Rede zur Konfirmation

 

Wie jede Blüte welkt und jede Jugend
Dem Alter weicht, blüht jede Lebensstufe,
Blüht jede Weisheit auch und jede Tugend
Zu ihrer Zeit und darf nicht ewig dauern.
Es muss das Herz bei jedem Lebensrufe
Bereit zum Abschied sein und Neubeginne,
Um sich in Tapferkeit und ohne Trauern
In andre, neue Bindungen zu geben.
Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne,
Der uns beschützt und der uns hilft, zu leben.

Herrmann Hesse: Stufen

Wir feiern heute die Konfirmation von N.N..
Was ist eine Konfirmation?
Das lateinische Wort firmus bedeutet fest und stark, firmatio ist eine Bestätigung dessen, was fest und stark sein soll, das Präfix con- sorgt für das Zusammensein, das Dabei-Sein.
Hier geht es also um die Bestätigung für ein Dabei-Sein in der Kirchengemeinde. Dabei nutzt die Kirche ein uraltes Ritual, die Initiation. Das lat. Wort Initiatio bedeutet eine Einweihung, eine Handlung, die einen Neubeginn feiert.
Welchen Neubeginn, welche Initiation feiern wir denn heute mit N.N.? Er hat sich in letzter Zeit verändert: Er wurde größer und größer und damit wurden auch seine Stimmbänder länger. Wir nennen es Stimmbruch. Er spricht jetzt wie ein Erwachsener. Er betritt wie im oben zitierten Gedicht von Hermann Hesse eine neue Lebensstufe, es ist ein Neubeginn.
Rituale für diese Lebensschwelle gab es in früheren Kulturen schon lange. Wie wurden sie damals gefeiert? Alle hier wissen, dass ich heute gerne in Kreta lebe. Die dort vor ca. 3.500 Jahren herrschende sogenannte Minoische Kultur kannte und feierte die Initiation von Jugendlichen in das Erwachsenenleben in einer für uns Heutige sehr drastischen Form. Es ist nicht verwunderlich, dass die Christliche Kirche die Spuren dieses Brauches verdrängt, ja verdammt hat. Schon der Hellenismus fand sie abscheulich und wandelte sie in einen harmlosen Mythos um: den Mythos vom Minotaurus, der von Theseus getötet wurde.
Kinder in minoischer Zeit wuchsen mit ihren Müttern in einer sogenannten Koine auf. Um ihre Behausungen gab es einen ummauerten Landschaftsbereich, in dem, wie schon der Name Koine sagt, alles der Gemeinschaft gehörte. Tiere und Kinder konnten sich darin frei bewegen.
Setzte bei den Mädchen die erste Monatsblutung und bei den Buben der Stimmbruch ein, wurden diese Veränderungen, diese Wandlungen zum Erwachsenen in einer Initiation zelebriert.
Kreta ist eine Insel mit vielen Höhlen. Ihr ahnt schon, was jetzt kommt. Mädchen und Buben wurden in eine dieser dunklen, nassen und finsteren Höhlen geführt und etliche Tage dort orientierungslos und hungrig sich selber überlassen. Das ist schon grausig genug.
In dieser furchterregenden Umgebung tauchte plötzlich ein nackter Mensch mit einer Stierkopfmaske auf. Diese Gestalt sprang zwischen den wimmernden, schlotternden, und bibbernden Kindern tanzend hin und her und verschwand schließlich. Wir können uns vorstellen, welche Panik sich in der Höhle im fahlen Restlicht ohne Tageslicht ausbreitete. Angst und Schrecken loderten hoch.
Doch bald darauf tauchte das Licht einer Fackel auf und mit diesem Licht wurden die Kinder aus der Höhle geleitet. Dort, vor der Höhle im Tageslicht, erwarteten die Eltern in festlichem Gewand ihre zitternden Kinder, die nun das Fürchten gelernt hatten. Musik erklang, ein Triumphzug bildete sich mit dem Ziel der vertrauten Koine. Der überwundene Schrecken hat die Kinder zu Erwachsenen werden lassen. Eine wahre Firmation.
Zur Feier des Tages wurde auf befestigtem Platz in alter Weise getanzt. Je 7 Mädchen und 7 Buben bewegten sich wie Homer es beschrieben hat:

Burschen sah man dort mit vielumworbenen Jungfraun
Schlingen den Reigen, so hielten sie einer des anderen Hände;
Leinene Kleider umflogen die Mädchen, es trugen die Burschen
Schöngewebte Gewänder von öligschimmerndem Glanze.
Prächtige Kränze krönten die Jungfraun, aber die Tänzer
Trugen goldene Dolche in silbergeschmückten Gehängen.
Und so kreisten sie bald mit kundigen Schritten vorüber
Leicht, als säße ein Töpfer und suchte mit drehendenHänden
Flink die Scheibe zu schwingen, ob sie behende auch liefe.
Bald auch eilten sie wieder in Reihen einander entgegen.
Zahlreich umstand eine Menge voll Freude den lieblichen Tanzplatz.

Das aber war noch nicht das Ende der Feier. Am Schluss des Tanzes standen sich je 7 Tänzer und 7 Jungfrauen gegenüber und schauten sich an. Was jetzt?

Auf einer etruskischen Vase sehen wir das Linienspiel der Choreographie des geschilderten Tanzes und dahinter zwei kopulierende Paare. Was für eine Initiation!

Kein Wunder, dass spätere Zivilisationen diese Form der Einweihung ins Erwachsenenalter nicht übernommen haben. Furcht und Schrecken kommen noch genug vor im heutigen Leben. Die Gebrüder Grimm haben ein Beispiel erzählt Von einem, der auszog, das Fürchten zu lernen. Aber müssen wir heute das Fürchten noch lernen? Reicht die Konfirmation in der Kirchengemeinde aus, als Erwachsener furchtlos zu leben? Die Antwort darauf überlasse ich meinem N.N.

Und gell, mit der Kopulation darfst du ruhig noch etwas warten.

Phaistos und die Folgen

In Erwartung von Kretas fruchtbarstem Schoß
fahren wir zum Tempelpalast von Phaistos,
wo minoische Riten in Ruinen versinken.
Da stieß mich – war’s Lilith? – hinab zu metallenen Klinken,
Die geprellte Hüfte meldete wachsenden Schmerz.

Der Hinkefuß vertrieb mir die Lust zum heiteren Scherz.
the point of no return zwang zu der Frage,
wer kann sie ändern diese missliche Lage?

Prof. Plötz fräste die Kapsel, sägte den Knochen mit Kopf,
Teile, reif für den Abfalltopf.
In gleißendem Weiß, titangefasst,
ist nun das neue Gelenk in der Hüfte fest eingepasst.

Drei Jahre Schmerzen, die bin ich nun los,
ich opfere sie der unvergänglichen Kraft von Phaistos.

Atmend den Bogen spannen

Seit dem Erscheinen von Eugen Herrigels Buch ‚Zen in der Kunst des Bogenschießens‘ im Jahr 1948 assoziieren im Westen viele mit dem Bogenschießen nicht mehr eine alte Kriegskunst sondern eine meditative Übung. Das Spannen des Bogens reizt uns, etwas von dieser Transformation zu erfahren.

Herrigel übte fünf Jahre in Japan bei Meister Awa Kenzo, bevor dieser ihm sagte, nun schieße nicht ‚er‘ sondern ‚es‘. Am Anfang des Übens stand der Atem.
Die ersten Versuche Herrigels, den Bogen zu spannen kommentierte der Meister: „Sie können es nicht, weil Sie nicht richtig atmen“ und „mit der richtigen Atmung entdecken Sie den Ursprung geistiger Kraft. Je lockerer Sie sind, desto leichter fließt die Kraft.“ Er fing also an, sich unter Anleitung seines Meisters erst einmal im Atmen zu üben, mit leichtem Summen um die Atmung zu kontrollieren. Er bemühte sich gewissenhaft, den lockeren Atem auf das Bogenschießen zu übertragen. Es wollte nicht gelingen. Der Meister, der das bemerkte, sagte „Das ist gerade der Fehler, dass Sie sich darum bemühen. Atmen Sie so, als hätten Sie nichts anderes zu tun.“
Nach langem Üben gelang es Herrigel dann tatsächlich einmal, sich unbekümmert in die Atmung fallen zu lassen. Er atmete nicht mehr, er wurde geatmet. Im Lauf der Zeit gelang es ihm immer öfter, bei völliger Lockerung den Bogen zu spannen und die Spannung zu halten. So verging das erste Übungsjahr.

Wer von uns zum ersten Mal einen Bogen in die Hand nimmt, ist weder in einem Zen-Kloster in Japan noch bei Meister Awa. Bestenfalls wollen wir im Urlaub eine Gelegenheit wahrnehmen unsere Neugier zu befriedigen, wie es sich anfühlt einen Pfeil abzuschießen. Eben sind wir noch im Meer geschwommen und haben mit jedem Zug der Arme tief Luft geholt und (vielleicht sogar unter Wasser) wieder ausgestoßen. Ohne darüber nachzudenken atmen wir tief und regelmäßig. Kurze Zeit später mit dem Bogen in der Hand stockt uns schon der Atem beim Spannen der Sehne. Die Hand, die den Bogen auf Abstand hält, verkrampft sich ebenso wie die Finger, die die Sehne halten. Arme und Beine stehen unter Spannung. Selbst der Kopf ist fest zwischen den Schultern eingeschraubt. Der Ausruf: „ich kann die Sehne nicht ziehen, der Bogen ist zu schwer für mich!“ hilft nicht. Jetzt hilft nur Atmen! Den Bogen ablegen, alle Glieder ausschütteln und atmen. Atmend nehmen wir den Bogen wieder in die Hand. Wir werden es nicht gleich schaffen, uns ‚unbekümmert in die Atmung fallen zu lassen‘. Wer Atemerfahrung hat, dem wird es leichter fallen, nun absichtslos atmend selektiv nur die Muskeln im Rücken zu spannen, die wir brauchen um die Hand, die die Sehne hält, nach hinten zu ziehen. Alle anderen Muskeln bleiben locker. Und nur mit gleichmäßiger Atmung können wir verhindern, dass die Hand, die den Bogen hält, anfängt zu zittern. Nach einigen Versuchen stellen wir fest, mit lockerer Atmung und lockeren Muskeln ist es gar nicht so schwer, den Bogen zu spannen.

Und nun wird das Lösen der Spannung im Schuss aus konzentrierter Ruhe und Gelassenheit zu einer lustvollen Herausforderung. Das Öffnen der gekrümmten Finger, die die Sehne halten, geschieht so, wie sich eine Blüte öffnet. Es geschieht einfach. Ohne willentliche Anstrengung. Es ist eine erstaunliche Erfahrung, den Moment, in dem wir die Sehne aus der Spannung entlassen, den richtigen Moment – griechisch kairos -, in dem der Pfeil sein Ziel erreicht, mit zunehmender Übung mit unserem Unterbewusstsein zu erspüren. Atmend im Spannen des Bogens können wir uns selbst vergessen.

Text zum Kurs ‚Atmen § Meer‘ im August 2017 in Kreta mit Helga Segatz und für das Bogenschießen Matthias J. Ulrich

Fotografieren

mit Matthias J. Ulrich


das  Offene Programm von kretakreativ

haben wir zum Ende der Saison 2019 bendet.

Jedoch, wenn man fotografiert, kommt es vor, dass man einem “Gegenschuss” ausgesetzt ist. Dies geschah am 17.06.2019 durch ein Foto von Jessica Held mit frappierender Technik, als sie mich einfach mehrfach erwischte.

Danke Jessica für diese schmerzfreie Daseinsvermehrung