Sinnen über den Sinn

Zum vollen Leben gehört auch Sinnfülle
wie zum vollen Sinn Lebensfülle.
(Karl Kerényi)

 

Spiel mit Worten zum sonntäglichen Frühschoppen

Sinn, was ist Sinn?

Ohne Sinn ist unser Leben sinnlos, wohlmöglich sinnenhaft aber nicht sinnvoll. Wir können unsere Sinne noch so schärfen, den Sinn sehen, schmecken, fühlen, hören, ertasten wir nicht wirklich (real), wir können ihn uns allenfalls vorstellen als ein Abstraktes.
Sinn hat mit Sinn nichts zu tun, konnte man hören. Das eine kommt von Sinnen, sich auf den Weg machen, reisen, und das sei der wahre Sinn vom Sinn; das andere habe zu tun mit αισθάνομαι, fühlen, wahrnehmen, und das habe mit dem Sinn des Lebens nichts zu tun. Wahrhaftig, seit zehntausend Jahren gucken wir uns die Augen aus und sperren die Ohren auf und wissen noch immer nicht, was denn der Sinn vom wahren Sinn sei.
Das Einzige, was wir davon wissen, ist, dass wir einen Sinn haben sollten. Jeder Einzelne muss einen Sinn haben, wehe dem, der ihn verliert oder verloren hat. Dem muss geholfen werden. Und wie? Mit einer Psychoanalyse! Womit kann diese helfen? Mit dem eigenen Sinn des Analytikers? Gibt es Sinn zu verschenken?

Bevor wir in die Büchse der Pandora greifen, ist es möglicherweise sinnvoll, etwas genauer nachzusinnen, was Sinn denn sei. Einen Hinweis könnten wir erlangen, wenn wir die verschiedenen Sprachwurzeln betrachten:
sinnan ahd. reisen, gehen, wandern, trachten nach
sinnen mhd. gehen, reisen, wahrnehmen, seine Gedanken auf etwas richten
zinnen nl. erstreben, denken, nachsinnen
sinna afries. sinnen, beabsichtigen
sinnan aengl. wandeln, beachten
sentire lat. fühlen, empfinden, wahrnehmen
sensus lat. Empfindung, Gesinnung, Ansicht
sind ahd. Weg, Richtung, Seite
sint mhd. Reise, Fahrt
sindon ahd. sich auf den Weg begeben, reisen
sét awest. Weg
hynt kymr. Weg
siusti lit. senden, schicken
hint engl. Hinweis, ‚Wink‘

Sprachwurzeln haben auch Sprachverwandtschaften, Familienangehörige:
think denken
thin dünn
dünken (im Dunkeln sinnen)
seem (it seems to me)
sense (common sense)
oder auch Sprachzusammenhänge wie “der ist ja von Sinnen”, “jemand zur Besinnung bringen“, talk sense = vernünftig reden.

Aus dem Wortsalat wird klar:
Wenn sich jemand etwas in den Sinn gesetzt hat, weiß er, wo es lang geht. Sinn ist Hülse für das, was ich will. Womit ich den Sinn fülle, hat mit dem Sinn an sich nichts zu tun. Sinn ist Richtung, Wegweiser, Ziel, Vektor, jedoch ohne Inhalt, welche Richtung, welches Ziel. Über den Sinn als Inhalt zu reden ist sinnlos, über den Inhalt des Sinnes zu reden ist sinnvoll.
So könnten wir anfangen uns zu verständigen, was ist der common sense in der Psychoanalyse, unter Psychoanalytikern, was ist der special sense? Müssen wir eine Ethikkommission einsetzen, um uns sagen zu lassen, was, wohin wir denken, fühlen, tastend vorangehen sollen?

ήθος [Ethos] = Wohnort, Standort, Heimat, Weideplatz(!), Stall und alles, was sich danach richten soll: Charakter, Sinnesart, Denkweise, Gefühl, Sittlichkeit.

Es klingt so schön: „Wir müssen über den Sinn nachdenken!“ Und wenn Menschen durch Schicksal ihren Sinn verloren haben (Flüchtlinge aus Bosnien, Herzegowina, Syrien, Afrika), schnell, schnell, gebt ihnen wieder einen Sinn, sonst werden sie haltlos, machen dummes Zeug. Lieber Papa Staat, schenk uns einen Sinn, damit wir sinnvolle Glieder der Gesellschaft sein können. Oder: Liebe Mama Psychotherapie, schenk mir einen Sinn, damit mein Leben wieder einen Sinn hat.

Gerade hat das junge Pflänzchen Psychoanalyse dazu beigetragen, dass uns mit dem Erkennen des mentalen Apparates die Programmierbarkeit unseres Handelns bewusst wurde.
– Ja, Herr Zwischenrufer, die Psychoanalyse ist ein Werkzeug auch der Ontologie!. –

Die Brücke war gebaut für eine Philosophie des ‚Schauens, was ist‘ (Wittgenstein), Voraussetzung für den Abbruch der sogenannten ‚absoluten Werte‘, die ja nichts anderes waren als gut funktionierende Scheuklappen zur Verhinderung einer Rundumsicht auf all die anderen Dinge außerhalb des eigenen Stalls (Stall = hier bist du hingestellt, du hast dich nicht zu bewegen).

Der Abbruch war radikal. Die Orientierungslosigkeit ist offensichtlich. Das entstandene Vakuum wird durch neue Heilslehren gefüllt. Mit den Heilslehren kommen die Heilslehrer und sagen, wir brauchen eine neue Ethik! Sie verraten nicht, dass sie ihren eigenen Stallgeruch gerne riechen und es am liebsten hätten, wenn die ganze Welt danach riecht. Welche Chance, wenn Patienten kommen und über Sinnlosigkeit klagen: Denen kann geholfen werden. „Jeder Therapeut sollte sich auf seinen Sinn verlassen, hier ist das Fundament seines Handelns.“ Ja, Frau Referentin, so lange Sie nur Augustinus mit seinem unendlich auslegbaren ‚ama!‘ zitieren. Sie wissen natürlich, dass unter dem Mantel der Liebe schon immer die subtilste Aggression verhüllt wurde.

Die alt-moderne List ist der Sozial-Anspruch. Ich helfe den Ärmsten der Armen (heute: arm = Frau, die Ärmsten = vergewaltigte Frauen), also bin ich gut. Dass hieraus das höchste Potential an Omnipotenzgefühl zu ziehen ist, ist quasi mathematisch beweisbar. Nebenbei assoziiert: gut, Güter, Gott, mit unendlichem Gedankenfluss.

Da lob‘ ich mir den Papa Freud, wenn er sagt: „nur Wahrheit interessiert mich, Geldverdienen nicht vergessen.“
(damit der Wein nicht ausgeht).

Noch ein Fluchtachtel: „Patientengesindel“

Das Gesinde = die, die für Lohn meinen Sinn annehmen, in meinem Sinn arbeiten.
Das Gesindel = die, die keinen eigenen Sinn haben, sich für jemandes Sinn hergeben = wertlose Menschen.
Umkehrende Perspektive (= Sinngebung):
Denen, die von Sinnen sind, gegen Geld einen Sinn geben = Psychotherapie

Auf einen letzten Schluck: „Prost!“

Geschrieben am 27.02.1994 (geringfügig aktualisiert) unter dem Eindruck eines Symposions von Psychotherapeuten des ÄWK Südbayern am Vortag mit dem Thema: <Wertvorstellungen in der Psychotherapie und –analyse>. Untertitel: <Brauchen wir eine neue Ethik?>

selig – seelisch

Zwei Worte – zumal (im hessichen Dialekt) gleich aussprechbar – zwei Welten?

Der Begriff, die Seele betreffend, ist Grundaspekt für beide.
Selig: den Körper überwunden habend, im Jenseitigen seiend, aber auch dort noch besonders herausgehoben aus Diesseitigem, wenn jemand „selig“ gesprochen wurde, erlöst im Himmelreich, von allem Irdischen befreit.
Seelisch: antipodisch zum Körperlichen, das Ideelle im Leben, das ‚Feinstoffliche‘, das was das körperliche Sein charakterisiert.
So der Sprachgebrauch.

Der frühe Mensch entwickelt mit zunehmender Anpassung an Daseinserhaltung eine Vorstellung von Vorsorge, Denken an Morgen. Ackerbau betreibt nur der, der die Ernte vorausdenkt. Und hat er geerntet, speichert er in Gedanken an den kommenden Winter, den er voraussieht, Nahrung.

Der Übergang vom nichtbewussten Wollen (Instinkt, reflektorisches Verhalten) zum bewussten Wollen (vernünftiges Handeln) ist fließend. Fressen wir uns nicht im Herbst einen Winterspeck an, den wir in der Fastenzeit wieder loswerden wollen ohne viel darüber nachzudenken? Aber das Bewusstsein ist gewachsen und wächst in Abstraktionen hinein, die wir mit Kausalgesetzen, Logik, Mathematik, Philosophie, Esoterik bezeichnen.

Das Denken an Morgen und die damit verbundene Beobachtung der Naturvorgänge schafft einen Nebeneffekt: Die Beobachtung des Todes. Entstand dadurch eine Todesfurcht? Wir wissen es nicht. Wir wissen, dass Begräbnisriten entstanden. Aus dem Dunkel der Evolution wird eine Spezies sichtbar, die sich nicht mehr beim Herannahen des Todes verkriecht und unbeobachtet verendet (wie die Tiere), sondern die in der Gemeinschaft bleibt und sich von den Hinterbliebenen begraben lässt.
Die Ähnlichkeit mit dem Eingraben eines Samenkorns ist evident. Könnte nicht die (unbestimmte) Hoffnung dahinter stecken, dass der Tote neu geboren wird wie eine Pflanze aus dem Samen? Ein abgestorbenes Holz einzugraben, das ‚wussten‘ wohl schon auch unsere Ahnen, bewirkt keine neue Pflanze. Es muss schon noch Leben im Reis sein. Wenn also ein Leichnam in der Hoffnung auf ein neues Leben vergraben wurde, musste in irgendeiner Form noch Leben darin sein. Die Erinnerung an den Toten ‚lebte‘ ja auch noch in den Hinterbliebenen. Die Erinnerung: das ist das Besondere, was diesen Toten auszeichnete, das Wesenhafte an ihm. Das konnte einen Namen erhalten: Seele.

Der ursprüngliche Sinn des Wortes erhellt aus der etymologischen Quelle: salig, saalig = hallig. Die in Höhlen bestatteten Toten wurden höhlig (die Hölle ist nicht fern), salig. Ihre Stimme wurde zum Echo ihrer selbst, die unheimliche Erfahrung aus der Höhle: Das Urwort ‚cal‘ steckt darin, das alles hohle bezeichnet: Schall, Höhle, Halle, Saal usw.. Dieses Echo meint alles, was wir als typischen Charakter bezeichnen: der von Angst Gebeugte, der Treue, die Sanftmütige, der Mächtige, die Hingebungsvolle, die heilig Abgehobene, der Schwermütige, der Luftikus, der Kämpferische, die ewig Leidende, der Spielerische, die Krämerseele, der Schauspieler, die Verführerin, der Aufschneider, der Schwätzer, die tragische Person, der Wichtigtuer, die Hexe, die Hetäre, die Gouvernante, der Aufrichtige, die …, der …

Jede dieser Seelen ist geprägt. Von was? „Vom Wiedererinnern an früher Wahrgenommenes“ sagt Platon durch Sokrates im Phaidon . „Früher“ ist präexistentiell gemeint, in einem Leben vor dem Leben. Platon baut auf auf der Tradition des seelischen Samenkorns. Diese damals schon 10 – 20 tausend Jahre alte Erfahrung mit Begräbnisriten ist ihm Axiom, Grundlage für den Beweis der Unsterblichkeit der Seele (Hadessage). Zur Bekräftigung schließt er aus der Analogie von Naturkreisläufen (Schieflage der Erde bei Umkreisung der Sonne) auf einen naturgesetzlichen Rhythmus von Werden und Vergehen. ‚Stirb um zu Werden‘, dieses eleusinische Kredo beweist für ihn zusätzlich die Unsterblichkeit der Seele. Die Seele selbst als Begriff und Konstrukt ist nicht in Frage gestellt. Sie ist Teil alter überlieferter Grundwahrheiten. Sie wird als Gegensatz zum körperlichen Sein aufgefasst und höher bewertet: Die Seele (ψυχή) herrscht über den Körper. Die Rangordnung bedeutet, das Körperliche ist Urmaterie, die durch die Seele befruchtet, vergeistigt, ‚beseelt‘ wird. Das eigentlich Wertvolle ist die Seele, der Körper ist verachtenswert, hinfällig, der Verwesung preisgegeben. Die Seele dagegen ist ewig, unsterblich, wertvoll.

Die Todesfurcht als Motiv ist gegenwärtig. Der, der nicht den Tot fürchtet, gilt gar als Held, als Heiland, als Heiliger; aber die Menschen sind keine Helden, Heilande, Heilige, sie sind Todesfürchtige. Und solange die Todesfurcht herrscht, hilft eine Seele als Brücke zu neuem Leben. Fünftausend Jahre menschlicher Geschichte sind fünftausend Jahre Kampf um die Erhaltung der Seele, des ‚ewigen‘ Lebens. Das größte Scenario, das Menschen veranstalten, befasst sich seit undenklicher Zeit mit der Unsterblichkeit der Seele. Religionen über Religionen, Philosophien, Theosophien, Glaubenskriege, Kulturen der Grabpflege (pompe funèbre), der Seelenverehrung, Gottesdienste, Heiligenanrufung, Machtkämpfe im Zeichen der Götter, Geniekult, Gottessuche, Hexenwahn, Eremitagen, Kasteiungen, Pilgerfahrten, Totentempel …, eine unendliche Geschichte zur Rettung der unsterblichen Seele, damit sie selig werde.

Es ist nur konsequent, dass nur der Mensch eine Seele habe: denn das unterscheidet ihn vom Tier, dass dieses nicht an ein Leben nach dem Tode denkt, es braucht keine Seele.
Empörter Aufschrei:“mein Hund hat eine Seele, so wie er mich anschaut, er ist eine treue Seele!“ Wohlmöglich ist er auch ein scharfer Hund, eine Hirtenhund, gewiss ein hungriger, schläfriger, wachsamer, verspielter, folgsamer, bissiger, launischer, tückischer, hinterlistiger, von allen Temperamenten lebenden Verhaltens geprägter Hund. Er hat seelisches Empfinden und Befinden. Aber, mein Hund „Gott hab‘ ihn selig!“? Nein, zu einer Hundereligion haben wir es noch nicht gebracht. Oder hat jemand von einem Hund gehört, der sein ganzes Leben, die unschuldige Kindheit ausgenommen, gute Werke tat um in den Hundehimmel zu kommen?

Welche Einengung muss sich das Seelische gefallen lassen, um selig zu werden.
Zwei Welten, eine dies- und eine jenseitige, vereint im verwirrenden Begriff der Seele.
Ein geflochtenes Seil windet sich um eine ‚Seele‘, einen roten Faden, der im Kern des Seiles liegt. Er gibt die Richtung an. Lassen wir die Todesfurcht einmal beiseite und stellen uns vor, wir seien wie ein Seil um eine ‚Seele‘ gewunden, dann sind wir beim γνώτι σ αυτόν des delphischen Orakels. Wären wir in der Lage, unser Strickmuster, unsere besondere ‚Seele‘ zu erkennen und zu akzeptieren, ihr zu folgen wie die Windungen eines gut geflochtenen Seils, dann wären wir vielleicht schon im Hiesigen selig (und überließen die Todesfurcht den Priestern).
Welche Aufgabe für die Psychotherapie [aus gr. θεραπεύω την ψυχήν = die Seele sorgfältig ausbilden]: Hilfestellung, Geburtshelfer zu sein für das Erkennen des eigenen Bestimmtseins, die Befindlichkeit als Gestimmtsein nicht als Kern zu deuten, sondern den Charakter freizulegen, das Geflecht des Tuns mit allen Licht- und Schattenseiten um den seelischen Kern zu ermutigen, zu dem einen Ziel, selig zu sein.

Geschrieben im Frühjahr 1994 auf Kreta

Vom tönenden Leib

Ein Wortspiel

„Ἐν ἀρχῇ ἦν ὁ λόγος“. [Am Anfang war das Wort.]

Frustriert vom Formulieren absoluter Sentenzen empfahl der Philosoph Ludwig Wittgenstein als Quelle des Erkennens dessen, was ist, Wortspiele.
Nehmen wir also einmal das Wort beim Wort:
Etymologisch aus wurda [germ.], werdho [idg.], verbum [lat.],
mit der Wurzel wer- bzw. mit Digamma ϝερ-:
weriya [hethit. ] = rufen, nennen, beauftragen, είρω (aus ϝέρјω) [griech.] = 1. reden, sagen, 2. aneinanderreihen,
mit morphologischer Beziehung zu ρῇσις [griech.] = das Reden, das Wort und ρήτωρ [griech.] = der Redner, Sprecher, Rhetor.
Wort und Rede haben also die gleichen Sprachwurzeln.
Ϝ-ερ ist sowohl w-er wie auch morphologisch verwandt mit qu-er. Die lateinische Form queri = (weh-)klagen ist das laute Herausstoßen von Lauten, stöhnen, das in der Äußerung von Unmut zur Besch-wer-de wird. Und aus diesem „querulieren“ wird die etymologische Verwandtschaft mit unserem quer lesbar.
Jetzt machen wir einen salto mortale und landen nach doppelter Drehung des ϝερ– auf dem Zwerchfell.
Wie soll das gehen?
Zwerch (auch twerch, dwerch, querch) ist das oberd. Wort für quer (schräg, die gerade Richtung kreuzend). Das Zwerchfell ist zum einen die Querhaut zwischen Brust und Bauchraum und zum anderen das wichtigste Organ beim Herausstoßen von Lauten beim Querulieren. Im griechischen Wort für das Zwerchfell = φρήν, φρενός, ist die Verwandtschaft zum ϝερ in der etymologisch häufigen Umkehr in ϝρε zu spüren.
Im Nachspüren der Wortfamilie des Wortes Wort sind wir an der Quelle angelangt, aus der Worte herausgeworfen werden, die Quelle, aus der sich Laute wie bei der Erregung eines Trommelfells bilden. Und was ist der Trommelstock, der unser Zwerchfell anregt? Jedes Gefühl, jeder Gedanke, der uns aus dem Gleichmut herausreißt, der unsere Seele bewegt. Wie, die Seele bewegt? Das hieße ja, was die Seele bewegt, bewegt das Zwerchfell!
So, offenbar, haben die alten Griechen gedacht; für sie war das Zwerchfell Sitz der Seele, der gleiche Ausdruck φρήν wurde für Seele und Zwerchfell gebraucht. Freilich meinten sie damit nicht die Seele, die nach dem Tod von Hermes in das Reich der Seligen überführt wird. Dafür gebrauchten sie ψυχή, was aus der Wortgleichheit mit ψῦχος = Kühle, Kälte (des Toten) erhellt.
Φρήν ist alles, was durch Herz, Gemüt, auch Verstand und Denken, durch Lust, Appetit, durch alles, was das Leben ausmacht, angeregt wird. Φρήν ist der Seismograph des Lebens. Die Urbewegung des Lebens ist der Hauch, der Atem. Heftig erregt wird er zum Schrei, auch zum Lachen. Lachen ist der Trommelwirbel der Seele (φρήν). „Frenetisch“ nennen wir noch das, das sich heftig äußert.
Ist das Zwerchfell ein gut gestimmtes Trommelfell, steht es unter Spannung wie eine Saite. Die Spannung, lat. = tonus, ist Voraussetzung, dass der Hauch zum Ton wird. Ton ist die Äußerung des von der Seele (φρήν) erregten Atems. Und Umgekehrt erschließt uns das „Tönen“ (Tonarbeit der Atemtherapie) die Quellen der seelischen Erregung.
Das Zwerchfell zwischen Bauch- und Brustraum nutzt, „beschwingt“ die unterschiedlichen Resonanzkörper des Leibes. Und die Gestimmtheiten der Leibräume teilen sich dem Zwerchfell mit, das diese zum Tönen bringt.
Das Zwerchfell ist Mitte und Mittler dessen, was sich als Lebensäußerung in uns regt, Stimmquelle der Gestimmtheit (tonus) unseres Leibes, Verdichtung dessen, was wir als seelisch bezeichnen.
Vom Wort Wort zu ἡ φρήν (Seele) haben wir eine Sprachbrücke erspielt – freilich nur mit Hilfe des Griechischen, der Wurzel unseres Denkens.

Leib, Seele, Geist ?

In christlicher Tradition haben wir uns an eine Dreiteilung unseres menschlichen Seins gewöhnt: Leib, Seele und Geist (σώμα, ψυχή, πνεύμα). Der Leib ist nichtig und stirbt. Was davon bleibt, ist bis zum Jüngsten Gericht die unsterbliche Seele. Und der Geist erglühe in  Leidenschaft („seid brünstig im Geiste“ Römer 12.11). Die Trinität ist ein Relikt der   frühesten Fruchtbarkeitsreligionen aus der Steinzeit, die die drei Mondphasen, zunehmend, voll und abnehmend, als allumfassende Rhythmen des Werdens und Vergehens nicht nur im Monats- sondern auch im Jahres- und Lebenskreis empfunden und liturgisch überhöht haben.

Vorchristlich, genauer vorsokratisch, dachte der ionische Philosoph Heraklit nicht in religiösen Traditionen, wenn er über die Seele sinniert:

ψυχῆς πείρατα ἰὼν οὐκ ἂν ἐξεύροιο πᾶσαν ἐπιπορευόμενος ὁδόν· οὕτω βαθὺν λόγον ἔχει. Heraklit DK 22 B 45 [1](Der Seele Grenzen kannst du nicht entdecken gehen, auch wenn du jeden Weg begehst: So tief reicht ihr Urgrund).

Der hier mit ‚Urgrund‘ übersetzte griechische Begriff ‚Logos‘ enthält nach Heraklit alles, was im Innersten den gesamten Kosmos bewirkt. Menschen stehen dem Logos verständnislos gegenüber:

τοῦ δὲ λόγου τοῦδ᾽ ἐόντος ἀεὶ ἀξύνετοι γίνονται ἄνθρωποι καὶ πρόσθεν ἢ ἀκοῦσαι καὶ ἀκούσαντες τὸ πρῶτον· γινομένων γὰρ πάντων κατὰ τὸν λόγον τόνδε ἀπείροισιν ἐοίκασι, πειρώμενοι καὶ ἐπέων καὶ ἔργων τοιούτων, ὁκοίων ἐγὼ διηγεῦμαι κατὰ φύσιν διαιρέων ἕκαστον καὶ φράζων ὅκως ἔχει· τοὺς δὲ ἄλλους ἀνθρώπους λανθάνει ὁκόσα ἐγερθέντες ποιοῦσιν, ὅκωσπερ ὁκόσα εὕδοντες ἐπιλανθάνονται. Heraklit DK 22 B 1 (Für diesen Logos aber, obgleich er ewig ist, gewinnen die Menschen kein Verständnis, weder ehe sie ihn vernommen noch sobald sie ihn vernommen. Alles geschieht nach diesem Logos, und doch gebärden sie sich wie Unerprobte, so oft sie es probieren mit solchen Worten und Werken, wie ich sie künde, ein jegliches nach seiner Natur zerlegend und deutend, wie es sich damit verhält.)

Logos wird von Heraklit als ein Urgesetz allen Seins, etwas, das sich nicht verändert, das objektiv  und universal alles durchwirkt, was ist, beschrieben. Wir könnten heute sagen, Logos ist der Gegenstand aller Wissenschaft. Wobei die Wissenschaft sich ständig verändert, erweitert, auch irrt und neu erkennt, nicht jedoch der Logos, der in Allem waltet und unveränderlich ist. Daraus haben wir das logische Denken als eine allgemein gültige Denkform abgeleitet.

Im Deutschen tat sich schon Luther schwer, Λόγος am Anfang des Johannesevangeliums zu übersetzen:
(ἐν ἀρχῇ ἦν ὁ Λόγος καὶ ὁ Λόγος ἦν πρὸς τὸν Θεὸν καὶ Θεὸς ἦν ὁ Λόγος ).[2]
„Im Anfang war das Wort und das Wort war bei Gott und das Wort war Gott.“
Wie viel leichter wäre es für uns Heutige, die Gleichsetzung Θεὸς ἦν ὁ Λόγος mit „Gott war der Logos“ zu übersetzen, den Logos-Begriff als ein Synonym Gottes zu denken.
Die subjektive und allgemeinere Bedeutung des Logos-Begriffs (von λέγω = lesen) in der Bedeutung von „Wort“, „Rede“, „Darlegung“, „Lehre“ ist bei dieser Textstelle sicher nicht angebracht. Hatte Luther Heraklit gelesen?

Im Deutschen haben wir ein ähnlich schillerndes Wort: Geist. Das Geistige setzt sich vom Körperlichen ab. Der Geist, der in Allem waltet, könnte einen ähnlichen Sinn wie Logos haben. Das in der griechischen Bibel hierfür gebrauchte Wort ist πνεύμα. Wörtlich übersetzt der Hauch, der Atem. Das wäre etwas, das wir heute mit Inspiration bezeichnen würden. Etwas, das in Leidenschaft erglühen könnte, wie im Römerbrief von Apostel Paulus gefordert. Etwas, unter dem wir durch den Fundamentalismus der monotheistischen Religionen heute weltweit zu leiden haben. Wir sehen, dieser Geist ist weit ab vom Logos des Heraklit. Nach ihm sitzt der Logos in der Tiefe der Seele. Aber auch der Geist beseelt die Seele. Ist die Seele das Zentralorgan des Lebens, wo sich Logos und Geist treffe n? Verwirrter kann eine Frage nicht sein. Christentum und der Vorsokratiker Heraklit sind unvereinbar.

Versuchen wir eine andere Version der Seele zu erkennen. Heraklit sagte:
ἀθάνατοι θνητοί, θνητοὶ ἀθάνατοι. ζῶντες τὸν ἐκείνων θάνατον, τὸν δὲ ἐκείνων βίον τεθνεῶτες.  Heraklit DK 22 B 62 (Unsterbliche sterblich, Sterbliche unsterblich: Sie leben den Tod jener, und das Leben jener leben sie.)

Wie können wir das verstehen?

Die unsterblichen Göttergestalten der homerisch denkenden Griechen repräsentierten Archetypen der menschlichen Erfahrungswelt. Als solche waren sie im Bewusstsein der Menschen unveränderlich und damit unsterblich. Die Götter waren ein unsterbliches Destillat aus menschlichem, sterblichen Leben. Und sie wetteiferten miteinander, wen und wie sie Menschen sterben lassen wollten. Unsterbliche Schachspieler mit sterblichen Figuren. Dazu gehörte, die Menschen untereinander streiten zu lassen. Ohne  Zwiespalt im Leben der Menschen ist das Spiel der Götter inhaltslos. Sie lebten auf, wenn es um Leben und Tod unter den Sterblichen ging. Hier zeigte sich die Macht der Götter in voller Tragödie. Hier spürten die Sterblichen das Leben der Götter.

Folgerichtig verübelt es Heraklit Homer, der schrieb: ὡς ἔρις ἔκ τε θεῶν καὶ ἀνθρώπων ἀπόλοιτο (Homer: Ilias, XIII 107) (Schwände doch jeder Zwiespalt unter Göttern und Menschen.)  Heraklit (DK 22 A 22)

Die Sterblichen lebten nach dem Muster der Unsterblichen. Hier fanden sie Lebensbilder, an denen sie sich orientieren konnten. Die Auswahl war groß genug, dass für jeden ein passendes Muster dabei war. Und in der Mischung der Charaktere konnte sich jeder Sterbliche – bis auf den heutigen Tag – darin selber erkennen. Wir leben nach dem Bild der Unsterblichen. Und wenn nicht in der Seele, wo sollten wir sonst diese Bilder in uns tragen.

Wenn wir dereinst sterben, stirbt unser Leib. Aber die Bilder der Seele mit all unseren Eigenheiten bleiben (soweit wir denken können) wie die unsterblichen Götter im Olymp ewig und unsterblich: Sie leben den Tod der Sterblichen.

[1] Alle Heraklit-Zitate nach ‚Die Vorsokratiker‘ Reclam Verlag, Stuttgart 1987
[2] ‚Novum Testamentum Graece et Germanice‘, Württ. Bibelanstalt, Stuttgart, 14.Aufl. 1935

Das ‚Kretische Labyrinth‘

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Deutung eines weltweit verbreiteten Symbols

Die als „Kretisches Labyrinth“ bekannten Doppellinien sind choreographische Leitlinien eines von Homer und Plutarch beschriebenen Tanzes, einem rituellen Balztanz aus minoischer Zeit, dem Geranos.

Jede Untersuchung über das Labyrinth
müsste vom Tanz ausgehen.
(Karl Kerényi)

Labyrinth

Λαβύρινθος. Mit diesem vorgriechischen Wort, das vermutlich lautmalerisch Eingang in die griechische Sprache und Schriftform fand, verbinden wir verschiedene Dinge.

Einerseits verstehen wir darunter ein ‚labyrinthisches‘ Gebilde. Eine Höhle, ein Haus mit vielen Gängen, eine ausweglose Situation, ein verwirrendes Schicksal, etwas, in das man hineingeraten kann, aus dem es aber schwer ist, wieder heraus zu kommen. Diese Form leitet ihren Ursprung nach heutigem Verständnis aus dem kretischen Mythos von der Behausung des Minotaurus ab. Theseus fand zwar den Eingang und drinnen den Minotaurus, den er heldenhaft tötete um die Athener von der Schmach zu befreien, alle 8 Jahre 7 Jungfrauen und 7 Jünglinge aus edlem Geblüt nach Kreta schicken zu müssen als blutige Speise für das Ungeheuer Μινόταυρος. Ohne den Faden der Ariadne, den sie sich aus ihrem gehäkelten Gewand abwickelte um ihrer frischen Liebe nach vollbrachter Tat aus den verwirrenden Räumen und Gängen herauszuhelfen, hätte sich der strahlende Königssohn im Labyrinth verirrt. Die ganze Welt fahndete nach diesem Gebilde. Und schon im klassischen Altertum wurde ein antiker unterirdischer Steinbruch nahe Gortyn am Südhang des Idagebirges, als Behausung des Minotaurus angesehen. Zu dieser künstlichen Höhle pilgerten noch fasziniert die bildungshungrigen Touristen des 19. Jahrhunderts. Solange, bis Sir Arthur Evans seine Ausgrabung in Knossós (agr. Κνωσός oder Κνοσός) nahe Heraklion zu Beginn des 20. Jahrhunderts veröffentlichte. Das Modell einer Rekonstruktion des Tempelpalastes im Archäologischen Museum in Heraklion (AMI) macht anschaulich, was auch schon in der Antike als labyrinthisches Gebäude bezeichnet wurde.

Muenze-1

Womit wir uns hier beschäftigen wollen, ist ein als ‚Kretisches Labyrinth‘ oder als ‚Labyrinth vom kretischen Typ‘ bezeichnetes Symbol aus zwei in sich verschlungenen Linien. Es ist auf einigen Silbermünzen, die in Knossós gefunden wurden, mal rund, mal rechteckig dargestellt. Sie stammen nicht aus minoischer Zeit sondern aus dem fünften vorchristlichen Jahrhundert. Durch die Aufschriften ΚΝΩΣΙΩΝ sind sie eindeutig Knossós zugeordnet.

In dem dicken Handbuch von Hermann Kern[1], in dem er sich ausschließlich diesem Symbol widmet, finden wir gleiche und ähnliche Symbole auf der ganzen Welt. Die Deutungsversuche füllen ungezählte  Bücher. Sie zeugen von der Faszination dieser beiden Linien. Es sind nur Linien.

Kann es noch etwas geben, das Hermann Kern und all die anderen Autoren übersehen haben?

 Wortbedeutung

Λάβρυς ist ursprünglich ein lydisches Wort für die Doppelaxt. Die Sprachforscher Maximilian Mayer und Paul Kretschmer haben das Wort  im Namen des karischen Kriegsgottes Labraynda wiedererkannt[2]. Die Doppelaxt oder das Doppelbeil (griech. σάγαρις) war die Streitaxt der skythischen Völker und des mythischen Volkes der Amazonen. Bei den Minoern ist sie wie schon im Orient  und Mittleren Osten ein Kult- und Opfersymbol. Dieses Zeichen wurde massenhaft in unterschiedlichsten Größen in minoischen Kultstätten wie z. B. der Grotte von Psychro und in Arkalochori gefunden. Sie sind gewöhnlich aus Bronzeblech aber auch aus Gold- und Silberblech geschlagen.  Die beiden gebogenen Schneiden treffen sich in der Mitte in einer Öse, durch die ein hölzerner Stiel gesteckt war. Dieser wiederum stand auf einer Basisplatte, die das Zeichen trug. In die Schneiden sind teilweise Linienmuster oder auch wie bei einer Lavris aus Zakros Lilienmuster eingraviert.

Zusammen mit der Endung  –ινθος, die meist auf eine Ortsbezeichnung hinweist, wurde das Wort Labyrinth (= Ort der Doppelaxt) nach der Ausgrabung von Evans auf die Palasttempel der minoischen Herrscher bezogen. Ein Beleg für die Richtigkeit dieser Annahme ist die früheste Erwähnung des Wortes um 1400 v. Chr. auf einer Tontafel aus dem Palast von Knossós, geschrieben in Linear-B. Aus dem vorhomerischen Griechisch dieser Schrift übersetzt heißt es dort: „der Herrin des Labyrinths Honig“. Es handelt sich offenbar, wie Karl Kerényi in seinen Griechischen Miniaturen[3] schreibt, um eine einfache Opferanweisung. Wir können also davon ausgehen, dass die griechischen Eroberer in Kreta diesen Namen für die Palasttempel zumindest für Knossós von deren Erbauern, den Minoern, übernommen haben.

Stimmt diese Vermutung, dann haben die Minoer ihr Wort Labyrinth nicht mit unserer Assoziation eines Ortes, in dem man sich verirrt, unterlegt. Es wäre auch ganz und gar unwahrscheinlich, dass wir einen Ort, in dem wir uns täglich bewegen, als einen Irrgang-Bau empfinden. Solche Gefühle haben später fremde Eroberer mit dem Mythos von der Missgeburt des Minotaurus, einem Menschen mit Stierkopf, der im Labyrinth gefangen gehalten wurde, verknüpft. Der von den Minoern gepflegte Initiationsritus, Kinder an der Schwelle zum Erwachsenwerden in kalten und feuchten Höhlen durch Priester mit einer Stiermaske[4] in der Dunkelheit zu erschrecken, konnte leicht in der Absicht einer Geschichtsklitterung der Eroberer zu einer Schauergeschichte umgemünzt werden. Hier zeigt sich auch die Verbindung mit einer Höhle, in der Minotaurus eingesperrt sein sollte. In den tausend Jahren seit dem Untergang der minoischen Herrschaft bis zum Auftauchen des verhöhnenden Mythos muss die Wortassoziation vom schrecklichen Verirren mit dem Namen der minoischen Paläste entstanden sein, den dann alle Welt von den Griechen übernahm.

Nun tritt im Mythos eine überragende Figur auf: Dädalos. Er ist der Inbegriff eines Stararchitekten der Antike. Als geborener Athener (also mit klarem Verstand) wird er von König Minos mit all den Kunstfertigkeiten beauftragt, die auf die Nachwelt großen Eindruck machten. Er hat nicht nur den Tempelpalast von Knossós erbaut, sondern auch einen Tanzplatz für die schon erwähnte Ariadne, den Homer in der Ilias besingt, als er den von Hephaistos geschmiedeten Schild von Achill beschreibt:

Weiter schmückte der Gott den Schild mit festlichem Tanzplatz,
Ganz wie jener gebildet, den einst im räumigen Knosos
Daidalos kunstvoll schuf der lockigen Maid Ariadne.
Burschen sah man dort mit vielumworbenen Jungfraun
Schlingen den Reigen, so hielten sie einer des anderen Hände;
Leinene Kleider umflogen die Mädchen, es trugen die Burschen
Schöngewebte Gewänder von öligschimmerndem Glanze.
Prächtige Kränze krönten die Jungfraun, aber die Tänzer
Trugen goldene Dolche in silbergeschmückten Gehängen.
Und so kreisten sie bald mit kundigen Schritten vorüber
Leicht, als säße ein Töpfer und suchte mit drehendenHänden
Flink die Scheibe zu schwingen, ob sie behende auch liefe.
Bald auch eilten sie wieder in Reihen einander entgegen.
Zahlreich umstand eine Menge voll Freude den lieblichen Tanzplatz,

Der in der klassischen Übersetzung von Thassilo von Scheffer[5] erwähnte Tanzplatz (gr. xορός) kann auch mit Tanz, Reigentanz o.ä. übersetzt werden. Folgen wir Homer, so könnte die Erfindung von Dädalos auch eine Choreografie gewesen sein, die irgendwo am oder im Palast von Knossós getanzt wurde. Evans und auch nachfolgende Archäologen haben bisher noch keinen Tanzplatz, der als solcher auf die homerische Beschreibung passt, gefunden. Der große Zentralhof innerhalb der Palastgebäude ist mit seinen umgebenden Galerien und sogar einer Art Königsloge wie geschaffen als Bühne für Vorführungen. So muss man sich auch vorstellen, dass hier das berühmte und in Fresken und Münzprägungen überlieferte Stierspringen stattfand. Die zahlreichen Zuschauer eines solchen Ereignisses zeigt ein erhaltenes Fresko aus dem Palast. Dicht an dicht reihen sich minoisch gekleidete Frauen und dahinter die Männer.

Kann es sein, dass die verschlungenen Linien, die wir aus den Münzprägungen kennen, nichts anderes sind als eine Choreografie?

Grenzlinien

Die Deutung der Linien geht in der erwähnten Literatur davon aus, dass die in sich gewundenen Linien Wände, Mauern oder, allgemein gesagt, Grenzen darstellen. Grenzen, in denen man sich bewegen kann. Das ‚Kretische Labyrinth‘ lässt unter dieser Voraussetzung nur einen Weg zu: durch eine Öffnung in der Außengrenze wird es betreten und führt über 7 gewundene Wege zwischen den Linien ins Zentrum, das völlig unspektakulär aus einer kleinen Rundung besteht. Verirrung ist unmöglich. Will man wieder hinaus, kann man sich nur umdrehen und auf gleichem Weg wieder zurückschreiten.

Ist das alles?

Ein auf den Linien als Grundriss gemauertes ‚Labyrinth‘ dieser Art kann nicht die Behausung des Minotaurus gewesen sein. Theseus hätte der Hilfe von Ariadnes Häkelfaden nicht bedurft. Und auch wir, wenn wir ein Labyrinth dieser Art begehen würden, könnten uns dort nicht verirren. Es wäre uns vielleicht etwas unheimlich, dem verschlungenen Weg zu folgen. Bei einem zweiten Mal wüssten wir, wir sind darin nicht verloren. Unserer Vorstellung von einem Labyrinth als einem Ort der Ungewissheit entspricht ein solches Bauwerk nicht. Erst recht nicht, wenn es als Gartenhecke gepflanzt und entsprechend onduliert wurde. Haben wir die Mitte erreicht, fragen wir uns, was das nun soll. Auf einem etruskischen Weinkrug aus dem 7. vorchristlichen Jahrhundert ist das Symbol in gleicher Art wie das ‚kretische Labyrinth‘ (nur seitenverkehrt) eingeritzt. Benachbart sieht man gewisserweise als Kommentar dazu zwei kopulierende Paare.

Würden wir nach einer Begehung zwischen den Grenzlinien so etwas fantasieren? Der Krug ist auch aus anderem Grund noch aufschlussreich: zwischen den in der typischen Form verschlungenen Linien ist linksläufig das Wort TRUIA eingeritzt. Die Bezeichnung ‚Labyrinth‘ für das Liniensymbol ist also nicht durchgängig.
Das christliche Mittelalter hat die Vorstellung eines Irrweges, den wir auf Erden durchschreiten auf das Symbol Labyrinth übertragen und dargestellt. Kunstvolle Zeichnungen von gemauerten Irrwegen folgen nur ungefähr der Form des kretischen Linienspiels. Sie zeigen vielfältige Verzweigungen, die in Sackgassen enden. Und in der aufgeweiteten Mitte wartet das Ungeheuer Minotaurus stellvertretend für den Teufel, den es gilt zu überwinden. Für unsere heutige Vorstellung von einem Labyrinth als einem Symbol der Läuterung oder gar Erlösung nach Irrungen und Wirrungen, die dem Selbstverständnis christlicher Religion entsprach, ist sie immer noch prägend. Eine Bezeichnung unseres Liniensymbols als ‚Labyrinth‘ führt also in die Irre.

Wenn wir nun die Mauern einreißen und die Linien nicht als Grenzen, sondern als Leitlinien für einen rituellen Tanz betrachten, können wir uns dann einer ursprünglichen Bedeutung nähern?

Tanz

Χορός. Das griechische Wort für Tanz oder Reigentanz kann auch wie schon oben erwähnt den Ort des Tanzes, den Tanzplatz, meinen. Es wird auch gebraucht für den Chorreigen an den Dyonisosfesten in hellenistischer Zeit. Das Wort ist vom Wortklang verwandt mit χώρα, χώρη oder χώρος = ländliches Dorf oder allgemein der abgegrenzte Platz in der Landschaft. Betrachten wir nun ein Dorf in minoischer Zeit, dann werden wir dort einen Platz finden, der mit Steinen befestigt ist: der Dreschplatz (ngr. αλώνι). Man findet ihn immer noch auf Kreta an besonderen Stellen, die möglichst dem Wind ausgesetzt sind. Die Spreu wurde Aiolos, dem Gott des Windes, geopfert. Die Plätze haben einen Durchmesser von etwa 9 bis 12 m und sind am Rand mit hochgestellten Steinen abgegrenzt. Genau in der Mitte des kreisrunden Platzes steckt ein Pflock in der Erde. An ihn wurde oder wird immer noch der Esel mit einer Leine angebunden, damit er beim Ziehen des Dreschschlittens (gr. βολόσυρος) immer schön in der Runde geht. Er wickelt dabei selber seinen Führungsstrick um den Pflock, der dadurch immer kürzer wird, so dass am Ende alles ausliegende Getreide mit dem Schlitten gedroschen ist.

Was hat das mit dem Tanz oder gar dem ‚Labyrinth‘ zu tun?

In manchen Dörfern mag dieser Platz die einzige mit Steinen befestigte Fläche im Dorf gewesen sein. Der einzige Platz, der auch zum Tanzen taugte.

Wir stellen uns vor, dass wir die beiden verschlungenen Linien unseres Symbols auf einem solchen Dreschplatz markieren. Wir bereiten ein Seil vor, in das wir alle 50 oder 60 cm eine kleine Schlinge einknoten. Das eine Ende des Seils legen wir mit einer Schlinge um den mittleren Pflock. Auf diese Weise können wir mit dem Seil wie mit einem Zirkel acht konzentrische Halbkreise auf der Hälfte des Dreschplatzes markieren. Wir ergänzen die andere Hälfte in der Art des Kretischen Labyrinths. Haben wir 50 cm Abstand gewählt, hat der äußere Halbkreis einen Durchmesser von 2 x 8 x 0,5 = 8 m, entsprechend bei 60 cm 2 x 8 x 0,6 = 9,6 m. Er passt also ganz gut in den Dreschplatz hinein. Vor uns haben wir jetzt einen Tanzplatz mit einer markierten Choreographie aus zwei gewundenen Linien wie in der Mitte der nachfolgenden Skizze.

Wir erinnern uns an die homerische Schilderung der Tanzenden: Jungfrauen und junge Männer bilden getrennt nach Geschlecht zwei Chorgruppen. Das Wort Chor wird hier in der ursprünglichen griechischen Bedeutung (=Tanz) gebraucht. Die Gruppen bestehen aus je sieben Choreuten. Angeführt werden sie von Chorführern (gr. χορηγός, dor. χοραγός oder auch γερανούλκος). Der letzgenannte Name drückt aus, dass die Choreuten als Kraniche bezeichnet durch ihren Führer gezogen wurden. Wie im heute noch getanzten „Συρτός χορός [„der geschleifte“, „geschleppte“ oder „gezogene Tanz“] halten sich die Tänzer einander an den Händen“. Das heißt, die Tänzer stehen mit den Schultern parallel zur Tanzrichtung. „Getanzt wird mit sechs Schritten auf zwei 2/4-Takte im Tanzrhythmus lang-kurz-kurz, lang-kurz-kurz. Die Tanzrichtung ist rechts. Links wäre die Todesrichtung, rechts ist die Geburtsrichtung.   Ιn der Grundform bewegen sich die Tanzenden mit jedem Schritt in die Tanzrichtung vorwärts. Rechter und linker Fuß wechseln in der Schrittfolge, begonnen wird mit dem rechten Fuß.“[6] Anfangs steht die Reihe der sieben Tänzer hinter der der sieben Tänzerinnen außerhalb des Dreschplatzes. Beginnt wie in der homerischen Schilderung der Spielmann in der Mitte mit einer Introduktion seines Spiels auf der Leier, schreiten die Chorführer  gefolgt von den Choreuten in den Kreis des Dreschplatzes auf den äußeren Anfang je einer der Linien zu. Dort warten sie, bis der Spielmann anfängt zu singen. Jetzt folgen sie im Rhythmus des Sängers und in der Schrittweise des Syrtós den markierten Linien. Der Tanz gliedert sich in sechs Chorusse, deren Wechselpunkte in den Linien markiert sind. Die Chorführer achten genau darauf, dass sie zum Choruswechsel die Markierungen erreichen.

Im ersten Chorus (in der Skizze mit 1 bezeichnet) schauen die Jünglinge zur Kreismitte während die Jungfrauen sich mit nach hinten gestreckten Händen den außenstehenden Zuschauern zeigen. Am Ende begegnen sich die Choreuten mit voneinander abgewandtem Gesicht. In dieser Haltung aneinander vorbeitanzend vollenden sie im zweiten Chorus (2) die Kreisbewegung, an dessen Ende sich die Jünglinge nach außen umwenden um sich im dritten Chorus (3) nun ihrerseits den Zuschauern zu zeigen, während die Jungfrauen sich kontrapunktisch der Mitte zuwenden. Am Ende begegnen sich beide Gruppen wiederum mit abgewandtem Gesicht, jedoch jetzt außen die Jünglinge und innen die Jungfrauen. In dieser Form im vierten Chorus (4) weitertanzend überqueren die Jungfrauen die Kreuzung der Linien während die Jünglinge die begonnene Kreisbewegung vollenden um sich danach im fünften Chorus (5) der Mitte des Platzes zuzuwenden. Jetzt sind sie es, die die Linienkreuzung übertanzen um danach den Mittelpflock zu umkreisen. Die Jungfrauen vollenden ihrerseits die eingeleitete Kreisbewegung. Am Ende dieses Chorus schauen sich die beiden Gruppen erstmalig gegenseitig in die Augen, die Jünglinge nach außen, die Tänzerinnen nach innen blickend. Die Spannung steigt. In einer sehr eng getanzten Umkehrwendung am Anfang des sechsten Chorus (6) ändern beide Gruppen die Blickrichtung. Wenn die beiden Chorführer an den Enden der Linien zum Stillstand kommen, schaut jede der sieben Jungfrauen mit nach hinten gedrehten Armen in der bei jungen Mädchen so beliebten cubitus valgus Stellung einem der sieben Jünglinge, der seine Schultern sich aufplusternd und sehr männlich nach vorne drückt, in die Augen.

Es knistert!

Géranos

Γέρανος. Die Géranos (im agr. weibl.) ist der Kranich. Mit diesem Vogelnamen wird in antiken Texten auch ein Tanz benannt, der das Balzverhalten der Kraniche nachahmt. Der griechische Biograph Plutarch berichtet:

Nach seiner Abfahrt von Kreta landete Theseus in Delos, […]. Hier führte er auch mit den Jünglingen einen Tanz auf, der noch jetzt bei den Deliern üblich sein soll und zur Darstellung der Windungen und Irrgänge des Labyrinths aus mancherlei Wendungen und Beugungen bestand, die in einem gewissen Rhythmus ausgeführt wurden. Diese Art des Tanzes wird, wie Dikaiarchos meldet, von den Deliern Geranos genannt. Theseus tanzte ihn um den Keraton. Einem aus lauter linken Hörnern zusammengesetzten Altar.[7]

Plutarch folgt hier offenbar mit der Erwähnung des Labyrinths der zu seiner Zeit (1. Jh. n. Chr.) schon üblichen Gleichsetzung eines Labyrinths mit einer verwirrenden Baustruktur voller Irrgänge. Ob nun der Tanz nur von den Deliern Géranos genannt wurde, kann bezweifelt werden. Viel wahrscheinlicher ist, dass schon die Minoer ihn so nannten. Dass sie ihn mit dem Namen ihres Palasttempels (Λαβύρινθος) benannten, kann ausgeschlossen werden.

Wie wir gesehen haben, hat die geschilderte Choreographie den Charakter eines Balztanzes. Wir können sogar vermuten, dass der Tanz Teil einer rituellen Initiation war, von der wir wissen, dass eine solche bei den Minoern von großer Bedeutung war. Im historischen Echo verbindet sich ein solcher Tanz mit dem Mythos vom Minotaurus und damit mit dem Labyrinth. Theseus rastet mit der frischen Erfahrung seines Kampfes mit dem Ungeheuer, das er tötete, auf der Heimfahrt nach Athen auf der Insel Delos und lässt hier den gerade in Kreta gelernten Géranos tanzen.

Moderne Kunsthistoriker wie Hermann Kern, promovierter Jurist und autodidaktischer Kunstwissenschaftler, oder Harald von Petrikovits[8], Althistoriker mit Schwerpunkt Geschichte und Kultur der römischen Provinzen, der eine römische Variante des Labyrinth-Symbols, den Trojaritt, untersuchte, den Vergil ausführlich in der Aeneis beschreibt[9], haben sich mit der Deutung der Linien als Choreographie herumgeschlagen. Kern schreibt:

„Hier stoßen wir […] auf ein Problem, an dem schon v. Petrikovits gescheitert ist und das möglicherweise auch gar nicht gelöst werden kann: Die Labyrinth-Figur bietet nur eine einzige Bewegungsspur, die kreuzungsfrei von außen ins Zentrum führt. Platz wäre also nur für eine einzige Linie von Reitern, nicht aber für die von Vergil geschilderten zwei Linien [es sind bei Vergil 3 Reitergruppen, MJU] nebeneinander, die dann auch noch <nach links und rechts auseinander sprengen>.“  Und weiter  „Bei der ursprünglichen Form des Rituals war sicher im Zentrum eine große Fläche als Wendeplatz notwendig“.[10]

Nicht nur, dass Kern sich der Choreographie des Tanzes verschließt indem er die Linien konsequent als Grenzlinien betrachtet, er zeichnet die Linienwindungen in der ersten Abbildung seines umfangreichen Werkes auch noch seitenverkehrt[11].So schiebt er sich selber einen Riegel vor eine Deutung als Geranostanz.

Wir sehen, das Labyrinth hat es in sich. Das Symbol erzeugt Irrungen und Wirrungen. Im Tanzen des Geranos können wir sie vergessen und uns einer der schönsten Ausprägungen des menschlichen Lebens hingeben: dem Eros.

TanzplatzIm Frühjahr 2016 wurde an der Südküste Kretas ein Tanzplatz für den Geranos mit markierter Choreographie errichtet. Er steht allen Tänzern zur Verfügung, die diesen rituellen Tanz in der oben beschriebenen Art tanzen wollen. Sie können sich hier anmelden.

 

[1] Hermann Kern, Labyrinthe, München 1982
[2] Günther Kehnscherper, Kreta-Mykene-Santorin; Leipzig-Jena-Berlin 1978
[3] Karl Kerényi, Griechische Miniaturen, Zürich 1957
[4] Eine griechische Münze aus Knossós aus dem 4. Jh. v. Chr. zeigt einen nackten männlichen Tänzer mit Stiermaske. Beiderseits der Maske quellen kretische Ringellocken hervor.
[5] Homer, Ilias, 18, 590 -606, verdeutscht von Thassilo von Scheffer, Wiesbaden 1938
[6] Seite „Syrtos“. In: Wikipedia, Die freie Enzyklopädie. Bearbeitungsstand: 12. Dezember 2010, 10:17 UTC. URL: http://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Syrtos&oldid=82553223
[7] Plutarch, βίοι παράλληλοι, Theseus 21.1-21.2 Übers. J.F. Kaltwasser, Leipzig 1798
[8] H. v. Petrikovits, Trojaritt und Geranostanz, Klagenfurt 1952/53
[9] Vergil, Aeneis, 5.Gesang, Verse 544 – 603
[10] H. Kern, Labyrinthe, S. 106
[11] Ebd. S. 34

Ge-beth

Gesprochen am 17. April 1999 anlässlich eines Zeitmahls, einer Installation und Zeremonie von Ute Lechner und Hans Thurner an zwölf  mit unterschiedlichen Inhalten gefüllten Tischen im Kunstraum der Traunsteiner Klosterkirche.

Ute und Hans haben mich gebeten, ein Gebet zu sprechen wie es alter Brauch ist, bevor man ein Mahl einnimmt.

Ich nehme das zunächst einmal ganz wörtlich: Ich rufe die Bethen an, die in vorchristlicher Zeit unter vielfältigen Namen (die drei Ewigen, die drei Saligen) stets als drei göttliche Jungfrauen verehrt wurden. Ihre Trinität stand für den Rhythmus des Fruchtbaren: Werden, Fülle und Vergehen. Im Zeichen des zunehmenden, vollen und abnehmenden Mondes wurden sie in der monatlichen Zeitspanne genauso erlebt wie im weiblichen Zyklus.

Wenn wir uns jetzt ‚bethend‘ in göttlich verehrte Quellen der Fruchtbarkeit versenken, können wir schon im magischen Klang des Namens dieser drei Jungfrauen dem Leben nachspüren: Βήτα, der 2. Buchstabe im griechischen Alphabet, wird griechisch „vita“ ausgesprochen, so wie das lateinische Wort für Leben. Nicht genug, das B steht bildsymbolisch für zwei schwellende, weibliche Brüste. Unsere Urerfahrung des Genährt- und Beschütztwerdens bedeutet Leben.

Der Monat, lat. mensis, griech. μήνη, mit dem Sprachstamm men hat nun eine merkwürdige Verwandtschaft mit den lat. Begriffen mens = der dem Körper innewohnende Geist und mensa = der Tisch, die Tafel, aber auch das Essen, die Speise. Der von Hans und Ute gewählte Begriff MESAS für die Objekte, an denen wir jetzt sitzen dürfen, ist sprachverwandt das gleiche Wort und lässt uns die Nähe zur Heiligen Messe spüren. Der Tisch des Herrn ist ja der Altar, der Opfertisch. Das Verbindende in all dieser Verwandtschaft erhellt aus dem ebenfalls lat. mensura = die Messung, das Maß. Um das zu verstehen, müssen wir noch etwas tiefer in unsere Ursprache eintauchen.

Dentallaute sind Klänge, die mit Hilfe der Zähne erzeugt werden (lat. dens = der Zahn). Unser D, im Griech. Δ, Θ, im Engl. th, sind Laute, die ursprachlich mit Trennen, Teilen zu tun haben, das also, was unsere Zähne tun. Um Ihnen einen Eindruck von der Vielfalt der aus den Ur-Silben da und di hervorgegangenen Worte[1] zu geben, lassen wir einige wenige aus dem Sanskrit, aus dem Griechischen, Lateinischen, Englischen und (Alt-)Deutschen erklingen, deren Bedeutung, das werden Sie spüren, mit dem Ge-teilten und dem Zu-geteilten zu tun haben:

da                  di
dad                Tat
dad                tot
dáhati            dies
dai-mo           δαίμων
daps              δαίς
datram          δαίζω
dátram          danam
datu               δαίω
dáyate           dati
devá              devil
dévas            deus
dhatri             τιθήνη
dháyati          θάω
dhe                dho
dhegh           Tag
dideti             δέαται
Dike              dico
do                 δίδωμι
donum          δίνω
Tide               θυμός
tid                  θήσθαι
time               tide
Zeichen         Ζεύς
zeigen           δείκνυμι
zeigon           δείγμα
zihan             zeihen
zit                  Zeit

Um den Bogen zurück zu spannen nehmen wir ein Wort heraus: τιθήνη, das ist die Amme. Nun wissen Sie, woher unser Wort ‚Titten‘ kommt. Das dazugehörende Verb heißt griech. θάω = säugen, saugen, unsere Urerfahrung des Nährens und Genährtwerdens. Und nun lassen Sie sich erinnern, an das Sie sich nicht erinnern können, das aber tief in Ihnen liegt: Den Hunger spürend haben wir uns alle mit Schreien gemeldet, „es ist an der Zeit, ich will genährt werden“ und wenn es gut war, wurden wir ‚gestillt‘. Bis zum nächsten Hunger. Zeit erleben wir ursprünglich von Mahlzeit zu Mahlzeit. Sagen Sie einem kleinen Kind, „wir gehen in drei Stunden zur Oma“, werden Sie hören, „wie lange sind drei Stunden?“. Sagen Sie, „wir gehen nach dem Essen“, weiß das Kind Bescheid. Später im Arbeitsalltag sagen wir „Mahlzeit“ und gehen zu Tisch. Je nach Temperament immer zur gleichen Stunde oder erst, wenn der Magen sich meldet, eben wenn es Zeit ist.

Von Sophokles gibt es ein Fragment, in dem es heißt: „ήλθεν δε Θαίς θάλεια πρεσ-βίστη θεών“, „es erschien aber die üppige Dais, die älteste der Götter“. Im Ionischen, einem altgriechischen Dialekt, bedeuten die Worte δαίς, δαίτη, δαίτυς Anteil, Portion und auch in Portionen gegebenes Gastmahl, Opfermahl wie das lat. mensa. Und die Verben δαίω, δαίομαι, δαίζω = teilen, zerteilen, zerreißen. Unser Leben ist zerteilt in Maßeinheiten von Ma(h)l zu Ma(h)l. Und am  Himmel sichtbar von mensis zu mensis, von Mond zu Mond. Wir sind ‚Mens-chen‘ im Erleben der Zeit.

Mein kurzes Gebet nach dieser Vorrede:

„Möge Δαίς Θάλεια erscheinen und uns mit unserem Urempfinden für das Mahl in der Zeit in diesem Zeitmahl verbinden“.

Fotos: Timo Thurner und Alex Heck


[1] Ausführlich bei Jean Gebser: Ursprung und Gegenwart, Fünfte Anmerkung zur Etymologie, dtv, München 1973,