Vom tönenden Leib

Ein Wortspiel

„Ἐν ἀρχῇ ἦν ὁ λόγος“. [Am Anfang war das Wort.]
Johannesevangelium [Lutherübersetzung]

 

Frustriert vom Formulieren absoluter Sentenzen empfahl der Philosoph Ludwig Wittgenstein als Quelle des Erkennens dessen, was ist, Wortspiele.
Nehmen wir also einmal das Wort beim Wort:
Etymologisch aus wurda [germ.], werdho [idg.], verbum [lat.],
mit der Wurzel wer- bzw. mit Digamma ϝερ-:
weriya [hethit. ] = rufen, nennen, beauftragen, είρω (aus ϝέρјω) [griech.] = 1. reden, sagen, 2. aneinanderreihen,
mit morphologischer Beziehung zu ρῇσις [griech.] = das Reden, das Wort und ρήτωρ [griech.] = der Redner, Sprecher, Rhetor.
Wort und Rede haben also die gleichen Sprachwurzeln.
Ϝ-ερ ist sowohl w-er wie auch morphologisch verwandt mit qu-er. Die lateinische Form queri = (weh-)klagen ist das laute Herausstoßen von Lauten, stöhnen, das in der Äußerung von Unmut zur Besch-wer-de wird. Und aus diesem „querulieren“ wird die etymologische Verwandtschaft mit unserem quer lesbar.
Jetzt machen wir einen salto mortale und landen nach doppelter Drehung des ϝερ– auf dem Zwerchfell.
Wie soll das gehen?
Zwerch (auch twerch, dwerch, querch) ist das oberd. Wort für quer (schräg, die gerade Richtung kreuzend). Das Zwerchfell ist zum einen die Querhaut zwischen Brust und Bauchraum und zum anderen das wichtigste Organ beim Herausstoßen von Lauten beim Querulieren. Im griechischen Wort für das Zwerchfell = φρήν, φρενός, ist die Verwandtschaft zum ϝερ in der etymologisch häufigen Umkehr in ϝρε zu spüren.
Im Nachspüren der Wortfamilie des Wortes Wort sind wir an der Quelle angelangt, aus der Worte herausgeworfen werden, die Quelle, aus der sich Laute wie bei der Erregung eines Trommelfells bilden. Und was ist der Trommelstock, der unser Zwerchfell anregt? Jedes Gefühl, jeder Gedanke, der uns aus dem Gleichmut herausreißt, der unsere Seele bewegt. Wie, die Seele bewegt? Das hieße ja, was die Seele bewegt, bewegt das Zwerchfell!
So, offenbar, haben die alten Griechen gedacht; für sie war das Zwerchfell Sitz der Seele, der gleiche Ausdruck φρήν wurde für Seele und Zwerchfell gebraucht. Freilich meinten sie damit nicht die Seele, die nach dem Tod von Hermes in das Reich der Seligen überführt wird. Dafür gebrauchten sie ψυχή, was aus der Wortgleichheit mit ψῦχος = Kühle, Kälte (des Toten) erhellt.
Φρήν ist alles, was durch Herz, Gemüt, auch Verstand und Denken, durch Lust, Appetit, durch alles, was das Leben ausmacht, angeregt wird. Φρήν ist der Seismograph des Lebens. Die Urbewegung des Lebens ist der Hauch, der Atem. Heftig erregt wird er zum Schrei, auch zum Lachen. Lachen ist der Trommelwirbel der Seele (φρήν). „Frenetisch“ nennen wir noch das, das sich heftig äußert.
Ist das Zwerchfell ein gut gestimmtes Trommelfell, steht es unter Spannung wie eine Saite. Die Spannung, lat. = tonus, ist Voraussetzung, dass der Hauch zum Ton wird. Ton ist die Äußerung des von der Seele (φρήν) erregten Atems. Und Umgekehrt erschließt uns das „Tönen“ (Tonarbeit der Atemtherapie) die Quellen der seelischen Erregung.
Das Zwerchfell zwischen Bauch- und Brustraum nutzt, „beschwingt“ die unterschiedlichen Resonanzkörper des Leibes. Und die Gestimmtheiten der Leibräume teilen sich dem Zwerchfell mit, das diese zum Tönen bringt.
Das Zwerchfell ist Mitte und Mittler dessen, was sich als Lebensäußerung in uns regt, Stimmquelle der Gestimmtheit (tonus) unseres Leibes, Verdichtung dessen, was wir als seelisch bezeichnen.
Vom Wort Wort zu ἡ φρήν (Seele) haben wir eine Sprachbrücke erspielt – freilich nur mit Hilfe des Griechischen, der Wurzel unseres Denkens.